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Glauben fängt mit dem Zweifel an
(26. August 2010/rk.) – Der postmoderne Skeptizismus hält es für eine Wahrheit, dass nichts wahr ist. Erst wenn auch diese Wahrheit radikal in Zweifel gezogen wird, kommt man zum Grund der Erkenntnis.
In der Nacht vom 10. zum 11. November 1619 hatte der damals 23 Jahre alte René Descartes drei Träume mit grossen Folgen für Europa. Alles, was Descartes bis dahin bestimmt hatte, will er in dieser Nacht hinter sich gelassen haben. In seinen Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, die ungefähr 20 Jahre später erschienen (1641), beschreibt er es folgendermassen: «... ich will so lange weiter vordringen, bis ich irgendetwas Gewisses, oder, wenn nichts anderes, so doch wenigstens das für gewiss erkenne, dass es nichts Gewisses gibt» (Meditationen, S. 21).
Descartes hat das Bedürfnis nach Gewissheit. Mittels des radikalen und methodischen Zweifels sucht er nach dem, was nicht mehr bezweifelt werden kann. Er scheint selbst überrascht darüber, dass man so gut wie alles anzweifeln kann. Er sieht sich gezwungen, einzugestehen, «dass an allem», was er früher für wahr hielt, «zu zweifeln möglich ist» (Meditationen, S. 41). Das Letzte, was er nicht mehr bezweifeln kann, entdeckt Descartes im Selbstbewusstsein: «Und so komme ich, nachdem ich nun alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schliesslich zu der Feststellung, dass dieser Satz: ‹Ich bin, ich existiere›, sooft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist» (Meditationen, S. 22). Descartes hatte sein Fundament gefunden. Sein «cogito ergo sum» («Ich denke, also bin ich») ist für ihn eine unerschütterliche Grundlage für das Erschliessen der Welt.
Damit war ein epochales Signal gesetzt. Nicht der Zweifel ist das Neue bei Descartes. Die Geschichte des Zweifels reicht bis in die Urgeschichte zurück (vgl. 1. Mose 3). Neu war die Methodisierung des Zweifels mit dem Ziel, herauszufinden, woran man nicht zweifeln kann.1 Und so begründete der Katholik die Erkenntnisgewissheit mit dem Selbst. Während die Menschen bis dahin sich selbst und ihre Normen mit dem Verweis auf Gott legitimiert hatten, suchte Descartes die Letztbegründung im «Ich» und befestigte damit das moderne Denken. Die Moderne, so paraphrasiert Jürgen Habermas Michel Foucault, ist dazu verurteilt, «ihr Selbstbewusstsein und ihre Norm aus sich selbst zu schöpfen».2
Der methodische Zweifel, der die Geburt des neuzeitlichen Wissenschaftsbegriffs einleitete, wirkte unvorstellbar innovativ auf die Kultur Europas. Die Neuzeit war getragen von dem zuversichtlichen Glauben, dass der Mensch fähig ist, Wahrheit zu erfassen, Wissen zu erwerben und darauf aufbauend freie Gesellschaften zu organisieren. Der Zweifel wurde dem Menschen in dieser Zeit ein Freund, der dabei hilft, die Welt «zu entzaubern» und «zu entzweifeln». In der voraufklärerischen Werteordnung galten Zweifel als ein Übel, das zu überwinden sei. In der Neuzeit gilt der Zweifel als Voraussetzung allen Erkenntnisfortschritts. mehr...
1 So ganz neu allerdings war das auch nicht, vgl. A. Augustinus: De civitate Dei, XI, 26. 2 Jürgen Habermas, «Mit dem Pfeil ins Herz der Gegenwart», in: «Die neue Unübersichtlichkeit», S. 129.
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