Kirche nutzt missionarische Möglichkeiten zu wenig
(18. Februar 2011/idea) – Die evangelische Kirche nutzt ihre missionarischen Möglichkeiten zu wenig. Diese Ansicht vertrat der Literaturwissenschafter und Journalist Matthias Kamann („Die Welt“) auf einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) im Diakonischen Werk der EKD.
Das Treffen vom 16. bis 18. Februar steht unter dem Thema „Missionarisch Volkskirche gestalten – Möglichkeiten der mittleren Leitungsebene“. Das Interesse weiter Teile der Bevölkerung an den Kasualien – Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung – zeige, dass sich Mission stark im volkskirchlichen Raum abspiele. Darauf reagiere die Kirche bislang nicht entsprechend.
„Warum wird Kindern im Kindergottesdienst nicht einfach einmal eine biblische Geschichte erzählt und auf Basteln und Spielen verzichtet“, fragte Kamann. In vielen Kirchen gehe es sonntags zu wie in merkwürdigen Theatern, wo zwar über William Shakespeare gesprochen, aber nie eines seiner Stücke aufgeführt werde.
Auch in Interviews mit leitenden Geistlichen der evangelischen Kirche falle ihm auf, dass kaum jemand zur Illustration seiner Ansichten eine biblische Episode erzähle: „Was würde sich beim Thema Gerechtigkeit besser anbieten als von Hiob oder dem unehrlichen Verwalter zu sprechen?“ Indem biblische Geschichten verschwiegen würden, werde nicht nur eine Bildungsgelegenheit verpasst; „hier wird ein grandioses Weltkulturerbe zerstört“. Selbst wenn es um Sterben und Tod gehe, beobachte er eine seltsame Spracharmut: „Die Schatztruhe christlicher Jenseitserwartung bleibt da fest verschlossen.“
Er ermutigte die rund 150 Teilnehmer der Tagung, in den missionarischen Bemühungen noch stärker auf Menschen zuzugehen, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen, erfolgreich sind und eigentlich nicht nach Gott suchen. Er habe den Eindruck, dass Kirche besonders gern mit Schwachen und Gescheiterten zu tun habe. „In manchen Gottesdiensten wird von einer Verzweiflung gesprochen, die ich nicht habe. Es kann auch nicht Ihr Interesse sein, dass ich sie kriege.“
Der Vizepräsident des EKD-Kirchenamts, Thies Gundlach (Hannover), warnte die Kirche davor, sich durch innerweltliche Plausibilität wichtig machen zu wollen. Damit reduziere und banalisiere sie die Botschaft des Evangeliums. Er beobachte in der evangelischen Kirche eine zunehmende aufgeregte religiöse Geschäftigkeit. Es breite sich ein „Geist des Nützlichseins“ aus. Dafür würden Kernelemente des evangelischen Glaubens, etwa die Theologie von der Rechtfertigung allein aus Gnade, nicht mehr in ausreichendem Masse weitergegeben. Damit mache die Kirche jedoch das Evangelium „unsichtbar“.
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