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Wunschtraum und Wirklichkeit
(24. Februar 2011/uk.) – Der grosse Leo Tolstoi schrieb Klassiker der Weltliteratur. Viele eiferten seinen Ideen nach. Nur wer genau hinsah, erkannte ihn als Spielball von Versuchung und Heuchelei.
Im deutschen Fernsehprogramm war vor Weihnachten eine opulente, als Vierteiler gestaltete Literaturverfilmung zu erleben: Tolstois «Krieg und Frieden». Alles war mehr als gekonnt – prachtvolle Gewänder, dramatische Szenen, ergreifende Romanzen, Hochmut und Barmherzigkeit, Elend und Blutvergiessen – es gelang dem Regisseur, das breite Panorama von Tolstois umfangreichem Roman in viele gekonnte Szenen umzusetzen, die jede für sich akribisch und mit Sorgfalt gedreht wurden. Und dabei wurde an nichts gespart, weder an der Ausstattung noch an den Schauspielern aus Deutschland, Frankreich, England, Italien, Frankreich und Russland.
Selbst der sonst auf Psychopathen abgewirtschaftete Malcolm McDowell brillierte in der Rolle eines verbitterten und hartherzigen russischen Adligen, der erst auf dem Totenbett erkennt, wie sehr er seiner Tochter – ein Musterbeispiel christlicher Entsagung, Duldsamkeit und Selbstverleugnung – Schmerzen zugefügt hat. Auch eine Bekehrung durch das christliche Beispiel und die Lektüre des Neuen Testamentes fehlt nicht, wie ja auch schon in der ersten Hollywood-Verfilmung die Schlussworte eindeutig waren: «Leben heisst lieben, und Gott ist die Liebe!»
So weit, so gut, man greift wieder einmal nach Tolstoi, nimmt auch Anne Karenina wieder zur Hand, versenkt sich in die Sprachkunst dieses grossen Erzählers, der offenbar auch immer wieder ein geistliches Anliegen hatte, wenn sich in seinen Romanen die Menschen nach all ihren Verworfenheiten und Irrwegen auf Gott besinnen. Eigentlich sollte man sich darüber freuen. Nun will ich niemand seine Lesefreude nehmen, und auch nicht das beliebte Spiel «der berühmte Mann war in Wirklichkeit ein ganz schlechter Mensch» spielen.
Bei der Literatur hat es wenig Sinn, nach dem Leben der Autoren zu fragen. Da gäbe es viele, die sehr fragwürdig lebten, und nur ganz wenige Schriftsteller führten – dies nur als Beispiel – etwa eine gute Ehe oder waren vorbildliche Väter. Nein, das wäre ein zu weites Feld, und eines, in dem man leicht den Splitter im Auge des anderen sucht, und den Balken im eigenen übersieht.
Aber bei Tolstoi gibt es etwas, was einen warnen sollte, und darum diese Betrachtung. Allgemein bekannt ist, dass Tolstoi ein grosser Sozialreformer war oder es zumindest sein wollte, der für die Bauernbefreiung kämpfte, was im zaristischen Russland mutig war, und dass Tolstoi am Ende seines Lebens Enthaltsamkeit, Demut, Armut sozusagen gleichnishaft auf seinem Landgut vorleben wollte, was eine grosse Schar von «Jüngern», die sich auch selbst Tolstoianer nannten, zu ihm brachte. Dass sich unter diesen auch viele eitle und selbstverliebte Naturen befanden, die sich von Tolstois Ruhm – er war eine weltweit geachtete Persönlichkeit, selbst amerikanische Journalisten kamen mit Interviewwünschen zu ihm – etwas für sich erhofften, liegt wohl in der Natur der Sache. Es gibt immer Menschen, die sich grossen und charismatischen Führern unterwerfen.
Lesen Sie den ganzen Beitrag in factum 1/2011.
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