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Strebend bemüht – glaubend bekannt?

(05. April 2011/rh.) – Erkenntnis des Göttlichen oder Bekenntnis zu Jesus? Goethe und Lavater führten darüber einen intensiven Meinungsaustausch

Glauben, wie es die Schrift sagt, oder autonom leben im Sinne der Aufklärung? Diese Frage zieht sich durch die deutsche Geistesgeschichte. Der Münchner Pfarrer Horst Jesse, Vorstandsmitglied der Goethe-Gesellschaft München, nähert sich dem Thema, indem er den Meinungsaustausch zwischen dem Aufklärer und Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) und dem Pfarrer und Dichter Kaspar Lavater (1741–1801) zusammenfasste.1 Goethe hatte gegenüber Jesus Christus ein ambivalentes Verhältnis. Jesse: «Er sieht ihn nicht wie die Pietisten als seinen Erlöser an, sondern als einen vorbildlichen Menschen.» Während seiner kirchlichen Trauung stört sich Goethe am Corpus des Gekreuzigten. Das Kreuz erscheint ihm als «leidiges Marterholz». Die Erlösung durch das Kreuz ersetzt Goethe durch sein Ideal der neuen Humanität, die sich für ihn im tätigen Leben zeigt. Goethe kann weder der biblischen Sicht des Menschen als Sünder noch der Erlösung durch Christus zustimmen. Er sieht den Menschen in einer Spannung zwischen Heilsamem und Unheilsamem. Während seiner Krankheitszeit in Leipzig findet er nicht näher zum Glauben. Vielmehr – so drückt er sich im «Faust» aus – hört er zwar die biblische Botschaft, doch es fehlt ihm der Glaube, Gottes Heilstat zu begreifen. Goethes Erlösungsvorstellung geschieht nicht durch den Glauben, sondern durch «strebendes Bemühen». Die Geschichte der Menschheit ziele ab auf Humanität. Religion veredele die menschliche Natur.

Goethe bleibt bei der Verehrung stehen: der Gottesverehrung in der Natur und der Verehrung Jesu als sittliche vorbildliche Person. Er betrachtet Jesus als Verkörperung der Religion der Weisen und verurteilt die Bezeichnung Jesu als Sohn Gottes.

Gegenüber Lavater argumentiert Goethe 1781, dass sich die Gottheit in einer unendlichen Fülle endlicher Gestalten entfalte und nicht nur in Christus allein. Ganz im Sinne der Aufklärung rückt er die Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit in den Mittelpunkt seines Denkens und Glaubens.

1 Horst Jesse: «Goethe und Lavater im Gespräch über den christlichen Glauben – Erkenntnis des Göttlichen oder Bekenntnis zu Jesus Christus», Deutsches Pfarrblatt 10/2007, S. 557 ff.

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