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Inhaftierte Timoschenko liest Bonhoeffer

(04. Januar 2012/fa.) – Julia Timoschenko, die ehemalige Staatspräsidentin der Ukraine ist in der Frauenhaftanstalt Katschanowka inhaftiert, einem Straflager in der Stadt Charkow. Kurz vor Weihnachten schrieb sie einen bemerkenswerten Brief, der den Weg an die Öffentlichkeit fand.

Die ukrainische Oppositionsführerin schreibt aus der Haft über die Einsamkeit in der Gefängniszelle - und den Glauben an die Freiheit, den kein Regime ihr nehmen kann.

Sie habe entdeckt, dass es nicht nur im Schützengraben, sondern auch im Gefängnis keine Atheisten gebe, schreibt Julia Timoschenko: „Wenn man trotz unerträglicher Schmerzen selbst in der eigenen Zelle stundenlang ohne Pause verhört wird und das komplette Zwangssystem eines autoritären Regimes einschliesslich seiner Medien versucht, einen ein für alle Male zu diskreditieren und zu vernichten, wird das Gebet zum einzig privaten, vertrauensvollen und einem Mut gebenden Gespräch, das man haben kann. Gott, so erkennt man, ist der einzige Freund und die einzige Familie, die einem zur Verfügung stehen.“

Es sei seltsam, dass die Sinne in der „schrecklichen toten Welt“ des Gefängnisses nicht abstumpften, sondern sogar belebt werden: „Das Denken wird von banalen Sorgen befreit, um über das Unergründliche und den eigenen Platz darin nachzusinnen - eine Freiheit des Geistes, die in diesen Weihnachtstagen ein völlig unerwartetes Geschenk ist. In der Dunkelheit der Zelle ziehe ich Stärke und Hoffnung aus der Tatsache, dass mir Gott so nah zu sein scheint.“

Weiter schreibt Timoschenko, so habe vor kurzem Dietrich Bonhoeffers „faszinierendes ‚Widerstand und Ergebung‘“ gelesen und sie zititert daraus: „Die Gottlosigkeit der Welt wird nicht ... verborgen, sondern vielmehr aufgedeckt, und erscheint so in einem unerwarteten Licht."

Sie gebe nicht vor, „eine Expertin für religiösen Glauben und geistige Werte zu sein“, schreibt sie und erklärt: „Ich bin nur eine Gläubige, die nicht akzeptieren kann, dass unsere Existenz das Ergebnis einer zufälligen Laune des Kosmos ist. Wir sind, daran glaube ich, Teil eines rätselhaften, aber integralen Aktes, dessen Quelle, Richtung und Zweck, auch wenn sie manchmal schwer zu erfassen sind, eine Bedeutung und ein Ziel haben - selbst wenn man hinter Gitterstäben eingesperrt ist.“

Welt online“ veröffentlichte den vollständigen Brieftext.



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