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Stabilität in unsicherer Zeit
Die wirtschaftlichen Aussichten sind noch immer düster. Die
Verunsicherung wächst. Wo finden wir Stabilität? Spurensuche im Leben
von Daniel.
Rolf Höneisen
Die Anzeichen mehren sich, dass in den kommenden Monaten weitere
Arbeitsplätze gestrichen werden. Die Angst vor der Entlassung mit allen
Konsequenzen geht um. Die Verunsicherung wächst. Die Heilige Schrift
rät uns: «Mehr als alles andere behüte dein Herz; denn von ihm geht das
Leben aus» (Sprüche 4,23). Wie finden wir Ruhe in der Unsicherheit,
Frieden für unser unruhiges Herz? Wo ist die angstfreie Zone?
Daniel
lebte in Jerusalem, als König Jojakim (Dan. 1,1) Juda regierte. Das
Land geriet unter grossen Druck. Die mächtige babylonische Armee rückte
gegen Jerusalem vor und belagerte die Stadt, bis deren Verteidiger
aufgaben. Der babylonische Eroberer Nebukadnezar liess den Tempel
plündern und gezielt nach jungen, gebildeten Männern suchen, die er
nach Babylon deportierte. Nebukadnezar wollte diese jüdischen Sklaven
zu seinen Bediensteten machen. In einer drei Jahre dauernden
Umerziehungskur mussten sie Sprache, Sitten und Gebräuche lernen. Unter
ihnen befand sich Daniel (Dan. 1,4 und 5).
Das liest sich so rasch.
Aber was es für das Volk Juda bedeutet hat, besiegt zu werden, zusehen
zu müssen, wie Feinde das Land zerstören, morden, brandschatzen,
Menschen verschleppen und auch nicht davor zurückschrecken, den Tempel
in Jerusalem zu plündern, das können wir nur erahnen. Und dann gefangen
genommen und ins Land des Feindes deportiert zu werden, indem man gar
nichts versteht, weder Sprache noch Kultur ... so erging es Daniel.
Verfolgt man seine Biografie weiter, entdeckt man, dass dies beileibe
nicht die einzige aufgezwungene Veränderung war. Daniel lebte zuerst
unter König Nebukadnezar. Dann unter Belsazar und dessen korrupter
Regierung, bis die Schrift an der Wand das Ende einläutete und Babylon
zusammenbrach. Der Mederkönig Darius eroberte Babylon. Für Daniel hiess
das, noch einmal von vorne zu beginnen: anderer Herrscher, andere
Sprache, andere Sitten, anderes politisches System. Dann, nach weiteren
Jahren, marschierte der Perserkönig Kyros ein. Und noch einmal begann
für Daniel alles von vorn!
Das Buch Daniel umfasst einen Berichtsraum
von 605 v. Chr. bis 536 v. Chr. Daniel erlebte vier Könige und
Königreiche und die damit verbundenen politischen Schleuderfahrten –
und er hat diese Wechsel auf erstaunliche Art und Weise überlebt. Er
blieb inmitten grösster Verwirrung, härtesten Angriffen, ungeheuren
politischen und wirtschaftlichen Krisen gesegnet. In Daniel 1, Vers 21,
steht: «Und Daniel blieb bis zum ersten Jahr des Königs Kyros.» Während
die Könige Jojakim, Nebukadnezar, Belsazar und Darius ausgewechselt
wurden wie die Kulissen im Theater, blieb Daniel standhaft, in
verantwortungsvollster Position. Oder, um es mit den neutestamentlichen
Worten von Paulus im Philipperbrief zu sagen – er «stand fest im Herrn»
(Phil. 4,1).
Was war es, dass Daniel inmitten solcher Wirrnisse und
Repressionen fest bleiben konnte? Drei Merkmale fallen auf:
Merkmal 1:
Gott regiert «Daniel begann und sprach: Gepriesen sei der Name Gottes
von Ewigkeit zu Ewigkeit! Denn sein ist beides, Weisheit und Macht. Er
führt andere Zeiten und Stunden herbei; er setzt Könige ab und setzt
Könige ein; er gibt den Weisen die Weisheit und den Verständigen den
Verstand. Er offenbart, was tief und verborgen ist; er weiss, was in
der Finsternis ist, und bei ihm wohnt das Licht!» (Dan. 2,20 und 21
SLT).
Für Daniel war glasklar, dass Gott der Herr der Geschichte ist:
«Er setzt Könige ab und setzt Könige ein ...» Es war nicht der Teufel,
der Jerusalems Fall in Eigenregie inszenierte. Daniel 1,2: «Und der
Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine (= Nebukadnezars) Hand,
auch einen Teil der Geräte des Hauses Gottes (...)» Die Betroffenen
werden es nicht verstanden haben, aber es war kein Versehen Gottes, als
Jerusalem fiel. Ihm ist weder ein Fehler unterlaufen noch eine
Angelegenheit entglitten, nein. Nicht immer verstehen wir Gottes Wege,
nicht immer ist er der «liebe Gott». Manchmal ist sein Weg befremdend.
Und trotzdem ist er die erste Adresse für unsere Zweifel und Nöte.
Daniel erlebte hautnah, wie Könige stürzten und eingesetzt wurden. Gott
offenbarte ihm, was die Beteiligten nicht verstanden. Neun der zwölf
Kapitel im Buch Daniel enthalten Offenbarungen durch Träume und
Visionen. Daniel war von Gott beauftragt, der heidnischen wie der
jüdischen Welt Gottes gegenwärtige und zukünftige Pläne bekannt zu
geben. Zum Beispiel wird in Daniel 4 geschildert, wie Daniel einen
Traum Nebukadnezars deutet:
«Man wird dich aus der Gemeinschaft der
Menschen verstossen und du musst bei den wilden Tieren des Feldes
leben. Du wirst dich von Gras ernähren wie die Ochsen und der Tau des
Himmels wird dich benetzen. So gehen sieben Zeiten über dich hin, bis
du erkennst, dass der Höchste über die Herrschaft bei den Menschen
gebietet und sie verleiht, wem er will.» (Dan. 4,22 EinhÜ)
Gott setzt
Könige ein und er setzt sie ab. Diese Lektion sollte der babylonische
Machthaber lernen. Und Gott zeigte Daniel noch viel mehr, und zwar den
Ablauf der Weltgeschichte! Daniel war somit mehr als jedem anderen
bewusst, dass Gott in die Geschichte eingreift, sie lenkt und seine
Absichten umsetzen wird.
Man erinnere sich: Der irakische Diktator
Saddam Hussein verglich sich gerne mit Nebukadnezar. So liess er das
antike Babylon wieder aufbauen und sich auf Hauswänden als Nachfolger
von Nebukadnezar darstellen. Wir kennen Saddams Ende. Wie ein Tier
musste er sich in ein unterirdisches Loch verkriechen, bis er dort
herausgezogen und dem Henker zugeführt wurde.
Noch immer ist es Gott,
der regiert. Er setzt seine Pläne Schritt für Schritt um. Wir haben
jahrelang gesagt und gedacht: «Das Geld regiert die Welt.» Und wir
haben es geglaubt, bauten mit Aktien Türme, jetzt fallen sie in sich
zusammen. Die Konjunkturforscher raufen sich die Haare. Keiner weiss
wirklich, wie es weitergeht. Die wirtschaftliche Zukunft will uns
verunsichern.
Worauf bauen wir? Wer regiert unser Herz? Wir kennen
Gott, der ausserhalb von Raum und Zeit existiert und Könige einsetzt
und absetzt! Das geschieht nicht willkürlich. Dass sich Gott um die
Weltgeschichte kümmert, schafft Vertrauen, entlastet, macht
zuversichtlich. Gott kümmert sich um die Welt! Jesus bleibt der Herr.
Er regiert.
Das Buch Daniel wurde mit der Absicht geschrieben, den
Juden im Exil Mut zu machen. Es stellt den Plan Gottes für sie vor,
sowohl während als auch nach der Zeit der heidnischen Weltherrschaft.
Das wichtigste Thema dieses Buches lautet: Gott hat die Kontrolle über
alle Herrscher und Völker, bis der wahre König kommt und sie absetzt.
In Kapitel 2 wird der kommende Messias als Stein beschrieben und in
Kapitel 7 wie der Sohn eines Menschen, in Kapitel 9, Vers 26 als der
Gesalbte.
Merkmal 2: Gott im Zentrum des Denkens Daniel wollte mit
seinem Leben Gott ehren. Er zeigte seine Treue gegenüber Gott, indem er
an entscheidenden Stellen keine Kompromisse einging.
«Der oberste
Hofbeamte gab ihnen neue, babylonische Namen: Daniel wurde Beltschazar
genannt und Hananja bekam den Namen Schadrach. Mischaël hiess von nun
an Meschach und Asarja Abed-Nego. Daniel beschloss in seinem Herzen,
keine Speisen und keinen Wein vom Tisch des Königs anzurühren. Er
wollte sich an die Speisegesetze seines Gottes halten. Er bat Aschpenas
um die Erlaubnis, die kultisch unreinen Speisen nicht essen zu müssen.»
(Daniel 1,7 und 8 NL)
Manche Delikatesse des Königs durften Juden
aufgrund des Speisegesetzes nicht essen. Aus Liebe zu Gott hielt sich
Daniel daran.
Aber zur babylonischen Gehirnwäsche gehörte es, den
Versklavten neue Namen zu geben, um sie in Verbindung mit heidnischen
Göttern zu bringen. Während Daniel hiess «Gott ist mein Richter»,
bedeutete Beltschazar «Der Gott Bel schütze den König». Auch Daniels
Freunde erhielten babylonische Götternamen. Daniel wehrte sich nicht
dagegen. Das war ja nur aufgezwungen, äusserlich. Er muss sich gedacht
haben: «Ihr könnt zwar meinen Namen ändern, aber meine innere
Überzeugung, meinen Charakter, mein Vertrauen in Gott ändert ihr damit
nicht.» Die Ehrfurcht vor Gott zu wahren, das stand im Zentrum von
Daniels Denken. Er glaubte daran, dass Ehrfurcht vor dem Herrn der
Anfang der Erkenntnis ist (vgl. Sprüche 1,7). Und Gott segnete Daniel.
Wer in unsicheren Zeiten fest bleiben will, der findet Ruhe in Gott.
Dazu muss er Jesus Christus, als den Herrn, ins Zentrum seiner Gedanken
setzen und sich auch unter Druck nicht vor äusseren Dingen und jenen
Mächten beugen, die sich Gott widersetzen.
Selbstverständlich sollen
wir Einfluss auf unsere Gesellschaft ausüben, gerade um die Herzen der
Menschen zu erreichen. Im Sinne Jesu sollen Christen «Licht und Salz»
sein (Matth. 5,13 und 14). Dabei müssen wir unterscheiden lernen, wo
wir unser Innerstes bewahren und uns äusserem Druck verweigern sollen
und wo es keine Rolle spielt. Wir müssen echt bleiben, Profil zeigen
und keine falschen Kompromisse eingehen. Die beginnen oft klein, beim
Reden und enden beim falschen Handeln. Gott macht einen Unterschied
zwischen den von ihm herausgerufenen Menschen und denjenigen, die es
noch zu rufen gilt. Besteht zwischen unserem Reden und Handeln kein
Unterschied zu unserer Umgebung, dann wohl deshalb, weil wir der
Umgebung nachfolgen und nicht Jesus.
Merkmal 3: Reden mit Gott Daniel
kannte die Kraft des Gebets. Das zieht sich durch seine ganze Biografie
hindurch. In Kapitel 6 erfährt Daniel von einer Verschwörung gegen ihn.
Seine Neider tricksen den König aus. Der unterschreibt ein Edikt:
Jeder, der in den nächsten 30 Tagen eine Bitte an jemand anders als den
König richtet, wird zum Tod verurteilt! Wie reagiert Daniel?
«... Er
ging in das obere Stockwerk seines Hauses, wo er die Fenster, die nach
Jerusalem zeigten, immer geöffnet hielt. Trotz des Verbotes kniete er
sich nieder, dankte und lobte Gott und flehte ihn an, wie er es auch
sonst dreimal täglich machte. Da stürmten jene Männer herein und fanden
Daniel, wie er seine Bitten vor Gott brachte und ihn um Erbarmen
anflehte.» (Daniel 6,11 und 12 NL)
Daniel hätte das nicht getan, wenn
er nicht von drei Dingen überzeugt gewesen wäre:
- Der Herr regiert.
- Das Wichtigste ist die Hingabe an Gott.
- Im Beten liegt
Kraft.
Gebet stabilisiert unser Leben. Vielleicht müssen wir das neu
lernen?
700 Jahre nach Daniel sitzt der Apostel Paulus in einem
römischen Gefängnis. Er betet und dann beginnt er Sätze aufzuschreiben,
die sich ganz erstaunlich exakt mit Daniels Verhalten decken:
«Sorgt
euch um nichts; sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit
Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden. Und der Friede Gottes,
der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken
bewahren in Christus Jesus!» (Phil. 4,6 und 7 SLT)
Daniel «dankte und
lobte Gott und flehte ihn an» ... täglich. Und die Löwen in der Grube
tasteten ihn nicht an: «Als man aber Daniel aus der Grube
heraufgebracht hatte, fand sich keine Verletzung an ihm; denn er hatte
seinem Gott vertraut.» (Daniel 6,24)
Vertrauen wir Gott? Beten wir
täglich zu Gott? Räumen wir dem Gebet in unserem Tagesablauf bewusst
Platz ein? Für einige ist das selbstverständlich. Für alle anderen hier
ein Vorschlag: Planen Sie ein 10-Minutengebet in Ihren Tag ein. Zehn
Minuten volle Konzentration auf die Begegnung mit Jesus Christus.
Während zehn Minuten ist nur er Ihr wichtiges Gegenüber. Zehn Minuten,
in denen Sie mit ihm reden. Ihm Lasten und Not sagen. Enttäuschungen
und Ängste offenlegen. Fragen stellen. Bedürfnisse aussprechen. Zehn
Minuten, in denen Sie andere Menschen betend zu Gott tragen, mit der
Bitte, sie zu segnen. Zehn Minuten, in denen Sie nichts anderes tun,
als Gott Ihr Vertrauen auszusprechen und den Dank. Zehn Minuten, in
denen Sie still sind und auf Gott hören, damit er Ihnen seine Weisungen
aufs Herz legen kann. Können Sie sich vorstellen, dass dieses tägliche
10-Minutengebet Ihr Leben verändern kann?
Im Gebet begegnen wir dem
auferstandenen Herrn. Er spricht in unser Leben. Wir begegnen dem, der
durch den Tod hindurchgegangen ist. Seither steht das Leben nicht mehr
im Schatten des Todes, sondern im Licht des Lebens.
Am Anfang steht
Jesus, für uns gestorben und auferweckt – am Anfang der Erkenntnis
steht nicht unsere Aktion, sondern seine Hingabe zu uns Menschen;
nicht, was wir tun, sondern, was er getan hat. Dankbarkeit und Anbetung
sind die angemessene Antwort, mit der wir das zum Ausdruck bringen. So
erreicht uns persönlich die Wirklichkeit, dass der Tod nicht das letzte
Wort hat. Es geht darum, dass wir unser Leben Jesus Christus
unterstellen.
Jesus verheisst seine Gegenwart (Matthäus 28,20). Diese
Gegenwart ist im Glauben erfahrbar. Gott ist in Jesus Christus und
seinem Geist zu uns gekommen. Wir halten vertrauensvoll an Jesu Zusage
fest und leben mutig und gewiss. Die Auferweckung von Jesus Christus
berechtigt uns, mit grosser Hoffnung in die Zukunft zu schauen, nicht
naiv, sondern wissend, dass die neue Schöpfung zwar schon angebrochen,
aber noch nicht vollendet ist. So gehen wir auch «in die Welt» (vgl.
Matth. 28,18–20), im Glauben an denjenigen, dem alle Macht gegeben ist
im Himmel und auf Erden und der bei uns ist jeden Tag, bis ans Ende der
Weltzeit.
Wenn wir uns Christus im Vertrauen hingeben, werden wir die
Nähe und Kraft Gottes erfahren. Das hat Daniel erlebt und Paulus hat es
für uns unter der Leitung des Heiligen Geistes aufgeschrieben: «Der
Friede Gottes, der allen Verstand übersteigt, wird eure Herzen und eure
Gedanken bewahren in Christus Jesus!»
Wir finden Stabilität in
Christus, weil ... der Herr regiert, er im Zentrum unserer Gedanken
ist, wir im Beten Kraft erhalten.
Anmerkung: Dieser Text ist die
überarbeitete Fassung einer Predigt.
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